Rede der Oberbürgermeisterin beim Neujahrsempfang am 21.01.2020

Frei ab Beginn der Rede.

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Kommunalpolitik braucht Vertrauen

 

Ja, Rosenheim ist eine Erfolgsgeschichte. Ein liebenswerter Ort zum Leben und ein attraktiver Standort zum Arbeiten.

Das muss sich auch bis in die Staatskanzlei herumgesprochen haben – wenn sogar unser fränkischer Ministerpräsident seine Liebe zu Rosenheim entdeckt und die Regierung von Oberbayern hier bei uns ansiedeln möchte.

Viele Faktoren tragen zur positiven Entwicklung Rosenheims bei.

Der wichtigste Erfolgsfaktor sind aber Sie, die Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Deshalb will ich Ihnen meinen ganz persönlichen, tief empfundenen Dank aussprechen, für Ihr Engagement in dieser Stadt, für Ihr Einstehen zugunsten ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger, für die Art und Weise, wie wir alle miteinander in Rosenheim die Begriffe Zusammenhalt und Solidarität mit Leben erfüllen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

dieser Neujahrsempfang soll wie jedes Jahr ein sichtbarer Ausdruck der Anerkennung seitens der Stadt an die engagierten Mitbürgerinnen und Mitbürger sein. An dieser Stelle ein herzlicher Dank an die Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling, die den heutigen Abend wieder großzügig unterstützt.

Zwar konnte man vor wenigen Tagen in einer großen süddeutschen Zeitung lesen, welche Zumutung es darstelle, dass viele Kommunen, Verbände oder Vereine jährlich einen Empfang zum Jahresauftakt ausrichten. Es war gar von einem – so wörtlich - „Tsunami der Langeweile“ zu lesen, der aufgrund dieser Veranstaltungen über unser Bayernland komme. Nun ja, der Autor war wohl noch nie in Rosenheim. Er hat noch nie den schwungvollen Rhythmen der Schülerinnen und Schüler des Ignaz-Günther-Gymnasiums gelauscht, die uns heute durch den Abend begleiten – vielen Dank dafür; er konnte sich noch nie an den ausgesuchten Köstlichkeiten an den Buffets erfreuen, mit denen uns das KU‘KO jedes Jahr verwöhnt. Und dieser Autor weiß vor allem nicht, dass sich die Menschen hier in Rosenheim noch etwas zu sagen haben, ganz analog, im persönlichen Gespräch miteinander – denn sich mit Menschen auszutauschen, die man nicht jeden Tag sieht, ist doch heute Abend das Salz in der Suppe!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, für mich ist es der letzte Neujahrsempfang, bei dem ich als Oberbürgermeisterin das Wort an Sie richten darf. Natürlich habe ich mir überlegt, heuer noch eine große Rede zum Jahresanfang zu halten.

Aber: Neue visionäre Konzepte für die Stadt zu entwickeln verbietet sich aus Respekt vor der Persönlichkeit, die von Ihnen im März das Vertrauen als neues Stadtoberhaupt ausgesprochen bekommt. Und für eine Abschiedsrede ist es zu früh, will ich doch bis zur Amtsübergabe weiter kraftvoll für die Stadt arbeiten.

Zudem habe ich mich an die berühmten Worte von Papst Johannes XXIII erinnert, der mit seinem „Giovanni, nimm Dich nicht so wichtig“ davor warnte, die eigene Person zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Tatsächlich sind wir alle – zumal die Politikerinnen und Politiker – immer nur Teil eines historischen Prozesses: Denn wir knüpfen an die Arbeit unserer Vorgänger an und unsere Nachfolger setzen ihre Arbeit auf den von uns gelegten Fundamenten fort.

Wenn ich die 18 Jahre Revue passieren lasse, in denen ich aufbauend auf Ihr Vertrauen die Geschicke der Stadt Rosenheim mitbestimmen durfte, dann wird klar, wie rasant sich die Welt und die Rahmenbedingungen für die Gestaltung von Kommunalpolitik verändert haben.

Als ich 2002 mein Amt angetreten habe, gab es das iPhone noch nicht und erst gut die Hälfte der weltweiten Informationsströme liefen über das Internet. Wir lebten noch in einer linearen Welt. Die Arbeit wurde am Arbeitsplatz erbracht, der Tag war zwischen der Arbeit und der Freizeit klar gegliedert. Und wer seine Freude am Tatort hatte, der nahm sich am Sonntagabend einfach nichts vor. Heute leben wir in einer Welt der digitalen Gleichzeitigkeit: Daten gelten als neue Währung. Das schiere Angebot an Wissen, Neuigkeiten oder Unterhaltung ist nicht mehr überschaubar. Die Diskussionskultur hat sich durch die sozialen Medien – auch auf kommunaler Ebene – von Grund auf verändert. Shitstorms sind an der Tagesordnung. Über 70 Prozent der Bundesbürger halten laut Allensbach inzwischen die Meinungsfreiheit in unserem Land für bedroht. Und die Gnade des Vergessens gibt es in Zeiten des Internet nicht mehr.

Der technische Fortschritt macht es möglich, verschiedenste Arbeiten und Dienstleistungen praktisch zeit- und ortsunabhängig zu erbringen. Durch Homeoffice verschwimmen die Sphären von Arbeit und Freizeit. Ob dies nun Segen oder Fluch ist, muss jeder für sich entscheiden. Wir können auch nichts mehr verpassen. Der Tatort ist in der Mediathek abrufbar, wenn man den Sonntagabend lieber mit Freunden statt vor dem Fernseher verbringen will.  Im Zuge dieser Entwicklung hat sich auch das Informationsverhalten völlig gewandelt. Die klassischen Printmedien und das öffentlich-rechtliche Fernsehen als Nachrichtenmedien müssen sich speziell bei den jüngeren Generationen einer zunehmenden Konkurrenz von Facebook, Instagram und – bei uns - Rosenheim24 stellen. Damit einher geht ein immer individuellerer Wissens- und Informationsstand über das politische Geschehen – egal ob auf nationaler oder auf örtlicher Ebene.

All diese Herausforderungen für unser gesellschaftliches Zusammenleben und letztlich auch für die Demokratie als Staatsform warten auf Antworten. Auch das sind Aufgaben der folgenden Generationen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie war es möglich, dass all diese Umbrüche, Paradigmenwechsel und Veränderungen – von der Klimadiskussion ganz zu schweigen - unser Gemeinwesen nicht im Kern erschüttert haben? Warum können wir immer noch stolz auf unseren Zusammenhalt in der Stadtgesellschaft sein? Weshalb konnten wir durch all die Jahre und trotz veränderter Rahmenbedingungen unseren Spitzenplatz unter den bayerischen und deutschen Städten wahren?

Für mich gibt es nur eine Antwort: Es sind die Menschen in unserer Stadt. Sie haben die immer neuen Herausforderungen aufgegriffen, angepackt und die Zukunft gestaltet. Wir in Rosenheim waren und sind initiativ, kreativ und mit der pragmatischen Lebensklugheit gesegnet, die ihren Ausdruck in dem Spruch findet: „Wenn was nicht läuft, muss es zum Laufen gebracht werden“.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, eine der schwersten Fragen im Steckbrief, den das OVB gelegentlich Prominenten vorlegt ist „Wie erklären Sie einem Kind Ihren Beruf?“. Würde ich das heute, zum Ende meiner Amtszeit als Oberbürgermeisterin gefragt, ich würde wohl antworten: „Eine Oberbürgermeisterin muss die Menschen, die das Beste für Rosenheim wollen, zusammenbringen und mit ihnen gemeinsam nach guten Lösungen für die drängenden Fragen suchen.“ Ob mir das in den vergangenen 18 Jahren immer und in jedem Punkt gelungen ist, müssen die Rosenheimerinnen und Rosenheimer entscheiden.

An mir ist es, Dank zu sagen an diejenigen, die mir über drei Amtsperioden hinweg Partner und gelegentlich auch Widerlager waren: Die Stadträtinnen und Stadträte. Jeder und jede einzelne hat seinen guten Teil zur Entwicklung unserer Stadt beigetragen. Ich danke einer überaus engagierten Bürgerschaft, die sich durch persönliche Gespräche, Beiträgen auf Bürgerversammlungen, auf Ortsterminen oder durch Leserbriefe in die kommunalpolitischen Diskussionen eingebracht hat. Ganz besonderen Dank denjenigen, die auch bei schwierigen Themen am Ball und hartnäckig geblieben sind, bis eine gute Lösung erreicht war. Immer bereichernd ist der Austausch mit den Kirchengemeinden, den Vereinen und Verbänden der Stadt. Auf diesen Institutionen ruhen Tradition, Verlässlichkeit und uneigennütziger Einsatz für andere. Das ist immer wieder zu spüren. Und was, meine Damen und Herren, wäre Rosenheim ohne seine Freiwilligen Feuerwehren und die hoch engagierten Rettungsdienste? Sie sorgen mit ihrem beispielgebenden ehrenamtlichen Wirken dafür, dass wir ruhig schlafen und uns auch bei Notfällen gut aufgehoben fühlen können. Solche Gewissheiten sind von unschätzbarem Wert für uns alle. Ein besonderer Dank geht an unsere Verwaltung, die pflichtbewusst, effektiv und loyal für diese Stadt arbeitet. Und das auch, wenn die Zeiten hart waren und aufgrund der schwierigen Haushaltslage unbequeme Entscheidungen getroffen werden mussten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, aber für das größte Geschenk überhaupt möchte ich mich bei jedem einzelnen bedanken: Danke für das Vertrauen, das mich 18 Jahre lang getragen hat und das mir immer wieder in schwierigen Situationen entgegen gebracht wurde.

Der Volkssänger Jakob Roider (Roider Jackl) schloss sein Programm häufig mit folgenden Zeilen:

Jetzt hör ich auf zu singen, denn sonst werde ich berühmt, und bekomm dann ein Denkmal, aus dem das Wasser raus rinnt“.

Dem schließe ich mich an und höre jetzt auf. Sie dürfen sich aber darauf verlassen: Ich bin und ich bleibe Rosenheim und den Menschen unserer Stadt auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt eng verbunden. Im Sinne dieser Verbundenheit wünsche ich uns allen einen heiteren Abend mit guten Gesprächen und Begegnungen.

Vielen Dank.