Rede der Oberbürgermeisterin bei der Gedenkveranstaltung anl. des 70. Jahrestags zum Kriegsende

Frei ab Beginn der Rede. Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, das Gedenken an das Kriegsende am 8. Mai steht in Deutschland immer unter ambivalenten Vorzeichen: Niederlage und Befreiung, Lähmende Schuld und notwendiger Neubeginn, Verlust und Aufbruch. Ich bin stolz, dass wir in Rosenheim der 70. Wiederkehr des Tages der deutschen Kapitulation in einer solch würdigen und bewegenden Form gedenken können: In einem vom Krieg zerstörten, zum Frieden mahnenden Gotteshaus; Mit völkerverbindender Musik, die unsere Sehnsucht nach Verständigung ausdrückt; Durch eine Ausstellung, die uns Nachgeborenen nachdrücklich vor Augen führen kann, was totalitärer Wahn, menschenverachtende Ideologie und gewissenlose Kriegstreiberei aus unserer Heimatstadt gemacht haben. Meine sehr geehrten Damen und Herren, die prägnanteste Zusammenfassung dessen, was in Deutschland gerne „Stunde Null“ genannt wird, findet sich in der Präambel zur Bayerischen Verfassung: „Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkriegs geführt hat,…“. In diesen Anfangsworten ist alles konzentriert, was zentral zum 8. Mai gehört: Die Kriegsfurie, die am 1. September 1939 von Deutschland ausging, kehrte dorthin zurück und hinterließ beispiellose materielle Zerstörungen, unwiederbringliche Verluste, Leid, Not und Tod. Aber es gab eben auch die moralische und sittliche Zerstörung des deutschen Volkes, die Frage war zu stellen, wie es dazu kommen konnte, dass Angehörige eines Volkes, das auf beeindruckende zivilisatorische und humanitäre Leistungen zurückblicken konnte, beispiellose Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen konnten, die den deutschen Namen für immer mit der Shoa, mit Vernichtungskriegen und kaltblütig geplantem Massenmord an ganzen Volksgruppen, Menschen mit Behinderungen oder an Homosexuellen in Verbindung bringen wird. Die bittere Erkenntnis ist, dass Hitler im Jahre 1933 nicht als Dämon über Deutschland kam, sondern von hinreichend großen Gruppen der Gesellschaft getragen wurde, die ihm die Machtergreifung ermöglichten. Zudem gelang es den Nationalsozialisten, die deutsche Gesellschaft so zu vergiften und in ihrem Sinne zu steuern, dass am Ende tatsächlich nicht nur die Staats- sondern auch die Gesellschaftsordnung nationalsozialistisch ausgerichtet war. Eine Folge war, dass sich das deutsche Volk nicht aus eigener Kraft von der Tyrannis befreien konnte, sondern diese Befreiung erst in der Kapitulation fand. Wer die informative Artikelserie über das Kriegsende im OVB gelesen hat, der ist sicher wie ich erschüttert über die Berichte sinnlosen Widerstands und bestialischen Terrors durch die SS in letzter Stunde. Hier wie so oft zeigt sich: Das verderblichste Gift ist jenes, das in die Hirne und Herzen der Jugend geträufelt wird. Deshalb dürfen wir nie den Kampf um die jungen Menschen bei uns aufgeben, um ihre freiheitlichen, demokratischen und humanitären Überzeugungen. Denn: Der zynische Abfall von Gott, den die Mütter und Väter der Bayerischen Verfassung in der Präambel beklagen, bedeutete auch die Negation aller humanen und moralischen Werte, die das schützen, was uns allen am wertvollsten sein muss: Die Würde des Menschen. Gerade heute und gerade in einem Gotteshaus ist mir wichtig daran zu erinnern, dass diese Würde – zwischen 1933 und 1945 millionenfach missachtet – immer dann in Gefahr gerät, wenn darauf vergessen wird, dass wir alle als Gottes Ebenbilder geschaffen und zur gegenseitigen Achtung berufen sind. Meine sehr geehrten Damen und Herrn, ich habe von sittlicher und moralischer Zerstörung gesprochen und nicht von Schuld, ein Begriff, der sich angesichts der Verbrechen der Nationalsozialisten immer aufdrängt. Denn Schuld ist individuell, nur Verantwortung ist kollektiv. Schuld messen Gerichte, vielleicht Historiker, in letzter Konsequenz Gott zu, uns Nachgeborenen bleibt, Verantwortung dafür zu übernehmen, was im Namen früherer Generationen geschah und dafür zu sorgen, dass es nicht wieder geschehen wird. Meine sehr geehrten Damen und Herren, ihren besonderen Teil der Verantwortung mussten die Deutschen übernehmen, die aus geopolitischen Überlegungen, zur Befriedigung fixer Ideen von ethnisch reinen Gebieten oder aus blankem Hass aus ihrer angestammten Heimat vertrieben wurden. Auch sie gehören für mich zum 8. Mai, da dieser Tag für nicht wenige unter ihnen nicht nur das Ende des Krieges, sondern den Anfang der Entwurzelung markiert. Das Kriegsende vor 70 Jahren hat damit nicht allein ein mörderisches Regime hinweggefegt und die Völker Europas, auch uns Deutsche, vom Nationalsozialismus befreit, es hat auch die Landkarte Europas geformt und Biographien geprägt. Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Präambel zur Verfassung fährt fort: „ … in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechts dauernd zu sichern, gibt sich das Bayerische Volk, … , nachstehende demokratische Verfassung“. Der 8. Mai ist somit auch ein Tag des Blicks nach vorn, der Besinnung auf Menschlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus, Freiheit und Demokratie, ein Tag des „Nie wieder“. Nicht verengt auf „nie wieder Krieg“, sondern ein „nie wieder“ zu allen Formen des Totalitarismus und der Untergrabung der Freiheit, der Rechtslosigkeit und Willkür, der Ausgrenzung und des Hasses, der Tyrannei und der Verengung auf eine Ideologie. Meine sehr geehrten Damen und Herren, einer der großen Schriftsteller der Nachkriegszeit, der Franzose Albert Camus, hat einmal geschrieben: „Es ehrt unsere Zeit, dass sie genügend Mut aufbringt, Angst vor dem Krieg zu haben“. Dieser Mut ist auch ein Vermächtnis des 8. Mai 1945. Dieser Mut klingt in den Musikstücken des heutigen Abends wider. Diesen Mut geben uns Berichte von Zeitzeugen. Dieser Mut muss unser ewiges Vermächtnis sein.