Rede der Oberbürgermeisterin beim Neujahrsempfang der Stadt Rosenheim am 20.1.2015

Frei ab Beginn der Rede. Es gilt das gesprochene Wort. 

2014 - Was für ein Jahr für Rosenheim! Wir haben das 150. Stadtjubiläum, so glaube ich, würdig begangen.Mit Dankbarkeit denen gegenüber, die vor uns hier gelebt und die Stadt mitgestaltet haben. Mit einem Quäntchen Stolz auf das, was wir selbst für unsere Heimatstadt erreichen und bewegen konnten. Vor allem aber in dem Bewusstsein, dass wir nur Teil einer Entwicklung sind, die 1864 mit der Stadterhebung begann - und so Gott will noch lange anhalten wird. Die Brücke zwischen dem Festjahr 2014 und dem neuen Jahr 2015 schlägt die Ausstellung im Stadtmuseum „Rosenheim wird Stadt – Die goldenen Jahre 1864-1914". Unwillkürlich fragt man sich: Was haben diese ersten 50 Jahre nach der Stadterhebung so „golden" gemacht? Tatsächlich findet man in dieser Zeitspanne auch alles das, was ein Menschenleben belasten kann: Wirtschaftskrisen, die Vermögen ruiniert und Betriebe zum Aufgeben gezwungen haben; die soziale Not, vor allem bei den Arbeitern, Dienstboten und Taglöhnern war aus heutiger Sicht erschreckend; Kriege zerstörten Familien. Junge Rosenheimer mussten 1866 gegen ihre österreichischen Nachbarn kämpfen und 1870/71 mithelfen, den Traum vom Reich, geschmiedet aus Blut und Eisen, zu verwirklichen. Goldene Jahre? Tatsächlich sind von diesem halben Jahrhundert nicht die negativen Seiten in Erinnerung geblieben. Wir kennen sie heute als „Gründerzeit“, als Zeitalter des Aufbruchs und der Innovationen. Aus dieser Zeit stammen Neuerungen in Technik und Wissenschaft, die bis heute unser Leben bestimmen, wie die Elektrizität, das Telefon oder die Erkenntnisse der modernen Hygiene. Betriebe und Unternehmen wurden gegründet, die noch heute einen guten Klang im Wirtschaftsleben haben. Die Kunst und das Geistesleben waren innovativ und wagten eine andere Sicht auf die Welt. Heraus kamen eine neue Ästhetik und revolutionäre Kunstformen. Denken Sie nur an den Jugendstil, der auch bei uns in Rosenheim Einzug hielt. Kurzum, die Gründerzeit war ein großartiger Beweis für die These Ludwig Börnes, der einmal schrieb: „Die Lebenskraft eines Zeitalters liegt nicht in seiner Ernte, sondern in seiner Aussaat“. Meine sehr geehrten Damen und Herren, ausgehend davon ist es reizvoll, zum Abschluss des Jubiläumsjahrs der Stadterhebung einmal darüber nachzudenken, wie unsere Zeit in eineinhalb Jahrhunderten von den dann lebenden Rosenheimerinnen und Rosenheimern gesehen wird – und was wir dazu beitragen können, dass die Menschen im Jahre 2164 jene Zeitspanne, die wir zu verantworten haben, auch als „golden“ erachten. Natürlich können wir die vielbeschworene „politische Großwetterlage“ nur schwerlich beeinflussen. 2014 war ein Jahr, in dem wir lernen mussten, dass die Geschichte nie an ihr Ende kommt – im Positiven nicht, aber leider auch nicht im Negativen. Eher bestätigt sich Samuel Huntingtons These vom „Clash of Civilizations“. Längst überwunden geglaubte Konfrontationslinien in Osteuropa brachen wieder auf. Kriege im Nahen Osten und in Afrika, die zu anderen Zeiten unsere Aufmerksamkeit vielleicht nur am Rande erregt hätten, halten uns in ihrem Bann. Eine religiös überhöhte Weltanschauung bringt junge Menschen aus Europa dazu, in diese Kriege als Kämpfer zu ziehen und ihren Fanatismus in Form von Terror wieder nach Europa zu bringen. Die Anschläge in Paris und all die Planungen, die jetzt aufgedeckt werden, sollen auch uns, unseren Lebensstil und unsere Freiheitsrechte treffen. Was können wir tun, wenn wir uns gegen diesen Ungeist wenden und im Sinne Ludwig Börnes etwas Gutes aussäen wollen? Zunächst dürfen wir uns in der Stadtgesellschaft nicht auseinanderdividieren lassen. Rosenheim ist stark durch den Zusammenhalt seiner Bürgerinnen und Bürger, diese Stadt hat eine gewaltige Integrationskraft. Ich danke ausdrücklich allen – von den Kirchengemeinden über die Vereine, die Flüchtlingspaten bis hin zu Initiativen und Nachbarschaftstreffs –, die sich für die Aufnahme und Integration von Menschen aus anderen Ländern eingesetzt haben. In Rosenheim – ich sage dies sehr deutlich – ist weder Platz für Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments noch tolerieren wir Fanatisierung oder den Aufbau einer Parallelgesellschaft. Ich setzte auf den Dialog und die Kontakte zu allen Glaubensrichtungen. Wir müssen uns einig sein in dem festen Willen, hier in unserer Stadt friedlich zusammen zu leben. Gerade jetzt muss gelten: Wir alle sind Rosenheim! Jenseits aller Erwägungen, wer rechtmäßig bei uns sein darf, und unabhängig davon, wohin ihr Lebensweg noch führen wird, tragen wir Verantwortung für Menschen – oftmals noch halbe Kinder –, die schreckliche Leidenswege und Traumata hinter sich haben und denen zu helfen, uns aufrichtiger Akt der Humanität und Nächstenliebe ist. Diejenigen, die sich hier engagieren, entzünden ein Licht der Hoffnung in den Herzen dieser Menschen. Ein Licht, das sie für immer mit Rosenheim verbinden wird. Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie wir miteinander umgehen und uns im Kontakt mit dem Fremden bewähren, ist nur eine, wenngleich wichtige Facette in dem zukünftigen Bild, das die nachkommenden Generationen von uns zeichnen werden. Natürlich wird die Kraft unseres Zeitalters zur Aussaat auch daran gemessen, ob es uns gelingt, die zwischenmenschliche, die ökonomische und die ökologische Basis der Stadt zu erhalten und auszubauen. Die goldenen Jahre der Gründerzeit waren geprägt von der Eisenbahn und der Stellung Rosenheims als Verkehrsknoten, dem wir einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung verdanken. An der entscheidenden Bedeutung der Verkehrswege für unsere zukünftige Entwicklung hat sich bis heute nichts geändert. Mit der Eröffnung einer weiteren Anschlussstelle Rosenheims an die A 8 ist eine wichtige Etappe erreicht. Ein starkes Augenmerk müssen wir auf die Planungen der Bahn zum Zulauf für den Brenner-Basistunnel richten. Das bisherige Planungstempo lässt vermuten, dass die Zulaufstrecke wohl erst zum 200. Stadtjubiläum 2064 fertig wird. Sowohl die Stadt Rosenheim als auch die Inntalgemeinden haben ein Recht darauf, dass die Planungen erheblich beschleunigt werden. Dabei dürfen wir nicht zulassen, dass Rosenheim vom internationalen Schienenverkehr abgekoppelt wird und die Züge künftig gleichsam einen Bogen um unsere Stadt machen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, eine solche Abkoppelung würde Rosenheim auch deshalb nicht gerecht, weil unsere Stadt in den vergangenen Jahren eine immer größere Bedeutung als starker eigenständiger Akteur innerhalb der Europäischen Metropolregion München spielt. Die Entwicklungsachse München-Mangfalltal-Rosenheim steht heute durchaus eigenständig als 4. Ast neben den Verbindungen München- Augsburg, München-Ingolstadt und München-Flughafen-Landshut. Rosenheim ist einer der Top-Standorte unter den Mittelstädten in Deutschland. In den wesentlichen Faktoren, die über die Attraktivität und Zukunftsfähigkeit einer Stadt entscheiden, ist Rosenheim vorne mit dabei: Noch nie gab es so viele Arbeitsplätze in Rosenheim wie derzeit. Die Arbeitslosigkeit ist historisch niedrig. Für die jungen Leute aus der Region bietet die heimische Wirtschaft Zukunftsperspektiven wie kaum irgendwo sonst in Europa. Die Hochschule Rosenheim ist Innovationsmotor und Katalysator für die Fachkräftegewinnung. Neue und zukunftsträchtige Studienangebote ziehen hochqualifizierte Studenten in die Stadt, die nicht selten der Region treu bleiben. Daraus resultiert ein notwendiger politischer Schwerpunkt für die Stadt: Die Schaffung von Wohnraum – und ich füge bewusst hinzu: bezahlbaren Wohnraum. Zusammen mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft konnten wir erst kürzlich 100 Wohnungen bereitstellen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, alle diese Entwicklungen zeigen für mich in die richtige Richtung. Ja, wir haben die Kraft zur Aussaat und wir legen Stück für Stück den Grundstein für eine gute gemeinsame Zukunft. Diese Zukunft müssen aber alle in Rosenheim mitgestalten können. Zunächst natürlich die gewählten Stadträte und die Verwaltung. Nicht zuletzt aber auch Sie, die Bürgerinnen und Bürger. Deshalb setze ich auch weiterhin auf den Planungsdialog „Rosenheim 2025“, mit dem die zentralen Themen der Stadtentwicklung zur Diskussion gestellt werden. Partizipation, Dialog, Entscheidungskraft – das sind für mich drei Schlüsselbegriffe für die Entwicklung tragfähiger Konzepte für die Stadt. Die Weichen, die wir für die Zukunft stellen, müssen von den Bürgerinnen und Bürgern mitgetragen und gewünscht werden. Sonst werden die Projekte nicht mit Leben erfüllt sein. Zwei Eckpunkte sollten die Diskussion aber immer beherrschen: Finanzielle Solidität und Nachhaltigkeit. In diesem Bewusstsein haben wir klare Investitionsschwerpunkte in eine nachhaltige soziale Infrastruktur der Stadt gesetzt. Wir investieren vor allem in Schulen, in Kitas, in das Klinikum, in den Sport. Wir investieren da, wo wir Familien stärken und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wir investieren da, wo es um unserer Stadt als Lebensraum geht. Wir stärken gezielt auch den Wirtschaftsstandort Rosenheim. Die Areale im Norden wie im Süden des Bahnhofs bieten die Perspektive für eine wirtschaftlich nachhaltige und finanzpolitisch rentierliche Entwicklung. Mein dritter Eckpunkt ist die ökologische Nachhaltigkeit. Rosenheim hat das ehrgeizige Ziel, seine Wärmeerzeugung CO2-neutral zu gestalten, in jeder Beziehung energieeffizient zu wirtschaften und einen hohen Grad an regenerativer Energie zu nutzen. Diesen Zielen nähern wir uns mit Hilfe der Stadtwerke immer weiter an. Auch in Zeiten rückläufiger Öl- und Energiepreise ist es ein Gebot der ökologischen Vernunft und der Zukunftsorientierung, von diesem Weg nicht abzuweichen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, das Jahr 2014 stand unter dem Motto der Erinnerung an 150 Jahre Stadtgeschichte. Aber schon George Bernhard Shaw wusste: „Wir werden nicht durch Erinnerung an unsere Vergangenheit weise, sondern durch die Verantwortung für unsere Zukunft“. Dieser Verantwortung müssen wir alle gerecht werden, jeder an seinem Platz und jeder nach seinem Können und seinen Fähigkeiten. Seien Sie herzlich eingeladen, Rosenheims Weg in die Zukunft mitzugestalten, Ihre Ideen, Vorstellungen und Konzepte in die Diskussion einzubringen und um den richtigen Weg zu ringen. Für heute allerdings wünsche ich uns allen einen angeregten und entspannten Abend, gute Gespräche und freundschaftliche Begegnungen. Herzlichen Dank und uns allen ein gesundes und glückliches neues Jahr!