Rede der Oberbürgermeisterin beim Festakt 150 Jahre Stadterhebung am 28.9.2014

  Frei ab Beginn der Rede. Es gilt das gesprochene Wort.  

Sehr geehrte Damen und Herren, genau heute vor 150 Jahren wurde den damaligen Stadtvätern feierlich die Urkunde überreicht, mit der König Ludwig II Rosenheim „in die Reihe der Städte“ seines Königsreichs aufnahm. Ich freue mich sehr, dass ich Sie, liebe Rosenheimerinnen und Rosenheimer, aber auch geschätzte Freunde und willkommene Gäste unserer Stadt, zur Feier dieses Jubiläums heute begrüßen kann. Erst 19 Jahre alt war der verträumte und kunstsinnige Monarch, als er sich „in landesväterlichem Wohlwollen … bewogen“ sah, die Stadterhebung des vormaligen Marktes Rosenheim vorzunehmen. So begeistert er vom Mittelalter und vom Sonnenkönig Ludwig XIV war, so fasziniert war er von allen technischen Neuerungen seiner Zeit, von der Elektrizität oder von mechanischen Apparaten. Wenn Ereignisse längst Geschichte geworden sind, glaubt man ja bisweilen an verborgene Zusammenhänge. Und wer weiß – vielleicht war es einfach stimmig, dass nicht der kunstbegeisterte Ludwig I oder der technikverliebte Maximilian II Rosenheim die Ehre der Stadterhebung zu Teil werden ließen, sondern eben jener Ludwig II, der beides verband. So wie seine neue, junge, aufstrebende Stadt Rosenheim gleichzeitig Fortschritt und Tradition verkörperte, die durch Eisenbahn, Hammer- und Eisenwerke sowie eine Reihe anderer Gewerbe Vorreiter der Technisierung im Oberland war, aber, eingebettet in unsere herrliche Landschaft als Tor zum Chiemgau, auch immer Schönheit, Tradition und kulturelles Herkommen hochhielt. Tradition und Fortschritt – für uns auch heute noch immer zwei Seiten der gleichen Medaille. Meine sehr geehrten Damen und Herren, warum feiern wir dieses eineinhalb Jahrhunderte zurückliegende Ereignis der Stadterhebung überhaupt? Um dem altbayerischen Motto „die Feste feiern wie sie fallen“ zu frönen? Natürlich verstehen sich die Rosenheimerinnen und Rosenheimer auf’s feiern, wie dieses Festwochenende mit seinem bunten, abwechslungsreichen Programm eindrucksvoll belegt. Ein großes Dankeschön an alle Organisatoren, Sponsoren und Helfer, die dieses Fest der Bürger für die Bürger möglich gemacht haben. Aber wichtiger als das ist doch, dass solche Jubiläen Gelegenheit bieten, sich mit seiner Stadt - seiner Heimat - auseinanderzusetzen und sich auf das zu besinnen, was uns hier in Rosenheim stark macht und was wir tun müssen, damit diese Stärke erhalten bleibt. Deshalb ist an dieser Stelle ein herzlicher Dank fällig an all jene Vereine, Gruppen, Initiativen, Schulklassen, Oberstufenkurse, Behörden und Einzelpersonen, die sich bei der Gestaltung dieses Jubiläums mit eingebracht und sich mit ihrer Rolle in Rosenheim beschäftigt haben aber auch damit, was sie in Zukunft für diese Stadt bewirken können. Und weil sich so viele Mitglieder der Stadtgesellschaft anlässlich dieses Jubiläumsjahres ganz persönliche Gedanken zu Rosenheim gemacht haben, will auch ich kurz darlegen, welche Begriffe mir einfallen, wenn ich an Rosenheim denke. Da ist zunächst der Begriff Heimat. Rosenheim ist lebenslang Heimat für viele, die hier geboren wurden, auch wenn es sie längst in andere Städte, Länder oder gar Erdteile gezogen hat. Die Erinnerung an diese Stadt, ihre Straßen und Plätze klebt ihnen an den Schuhen. Aber diese Stadt hat auch eine erstaunliche Integrationskraft. Immer wieder zogen im Laufe der Geschichte Menschen hierher, um ihr Glück zu finden: Früher bei der Eisenbahn, heute an der Hochschule, bei etablierten Firmen oder in aufstrebenden Unternehmen. Sie alle haben hier eine Heimat gefunden, die sie angenommen und willkommen geheißen hat. Erinnern will ich aber auch an die deutschen Heimatvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg, die Rosenheims Bevölkerungszahl signifikant vergrößert haben. Auch für sie ist Rosenheim längst liebgewordene zweite Heimat. Aktuell sind wir wieder gefordert, Menschen bei uns aufzunehmen, die in ihrer angestammten Heimat nicht bleiben konnten. Jeden Tag ist eine andere statistische Zahl zu lesen, die den Zustrom von Flüchtlingen und Asylbewerbern nach Deutschland quantifiziert. Aber hinter den Zahlen stehen für uns Menschen, für die wir Verantwortung tragen, stehen Schicksale, die uns berühren. Für uns alle wird es zu einer großen Kraftanstrengung, hier ein gedeihliches Zusammenleben zu organisieren. Stehen wir dabei zusammen. Das ist auch schon der zweite Begriff, den ich mit Rosenheim verbinde: Zusammenhalt. Eine Stadtgesellschaft kann nur funktionieren, wenn ihre Teile nicht auseinanderdriften. Starke Klammern für den Zusammenhalt sind in Rosenheim eine Vielzahl von Vereinen und Organisationen, die Kirchengemeinden, Parteien und Gewerkschaften, die Freiwillige Feuerwehr und die Hilfsdienste, aber auch unzählige Basisorganisationen, die sich um Anliegen ihres Stadtteils oder auch schlicht ihrer Straße kümmern. Mein großes Anliegen ist es auch, den Zusammenhalt zwischen Kernstadt und Stadtteilen zu fördern, die aus einer eigenen Geschichte und gewachsenen kulturellen Traditionen zu Recht Selbstbewusstsein schöpfen. Nicht zuletzt aber werden wir als Mittelpunkt eines starken Landkreises auch weiterhin der Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden großen Stellenwert einräumen, damit sich die Region als Ganzes weiter stark und positiv präsentieren kann. Meine sehr geehrten Damen und Herren, damit komme ich zum dritten meiner ganz persönlichen Schlüsselwörter: Zukunft. Denn auch der Blick nach vorne gehört zu einem solchen Jubiläumsjahr. Ja, Rosenheim hat Zukunft und wir haben allen Grund, um optimistisch in die Zukunft zu blicken. Dabei haben wir es selber in der Hand, aus dem Erbe unserer Vorgänger, aus dem, was wir selbst geschaffen haben und aus den guten Rahmenbedingungen, die wir derzeit vorfinden, das Rosenheim zu formen, wie es in 20 oder gar 50 Jahren aussehen soll. Dazu braucht es Mut – und nicht Verzagtheit. Es braucht den Weitblick, Entscheidungen nicht daran zu messen, welche Auswirkungen sie in zwei oder drei Jahren haben, sondern in größeren Zeiträumen zu denken. Ein solches Jubiläum, wie wir es heute feiern, kann uns auch wieder einmal vor Augen führen, dass wir alle miteinander in einer Kontinuität stehen, als Nachfolger derjenigen, die vor uns kamen und als Vorgänger für künftige Generationen. So wichtig mancher tagesaktuelle Streit ist, so sollten wir uns immer im Klaren darüber sein, dass das Heute nur die Brücke zwischen Gestern und Morgen ist. Meine sehr geehrten Damen und Herren, der Schriftsteller Elias Canetti hat einmal bemerkt: „In einer wirklich schönen Stadt lässt es sich nicht leben; sie treibt einem alle Sehnsüchte aus“. Wir Rosenheimerinnen und Rosenheimer leben in einer wirklich schönen Stadt, die wir von Herzen lieben. Trotzdem wünsche ich Ihnen und mir, dass auch noch Sehnsüchte bleiben – genug für die nächsten 150 Jahre.